(Erschienen in konkret März 2019)
Am 17. Januar 2019 sitzt das Kapital pünktlich zur Geisterstunde vor dem Fernseher, schlechtgelaunt, sogar die üblichen Snacks werden abgelehnt, und erwartet Schlimmes. Zwei Philosophen, beide veritable doctores philosophiae, einer sogar gerüchtweise habilitiert, erörtern ein brisantes Thema: „Frisst der Kapitalismus die Demokratie?“
Richard David Precht, Fernseh- und Kinderphilosoph, und Robert Habeck, grüner Bundes- und Tierphilosoph, treten an, das Kapital das Fürchten zu lehren.
Die Unruhe des Kapitals steigert sich, als Precht eine bedrohte Idylle schildert: Die „friedliche Koexistenz zwischen Kapitalismus und aufgeklärter Demokratie wird heute häufig in Frage gestellt“. Das Kapital schüttelt sich. Auf Prechts erste Frage „Wenn die deutsche Wirtschaft die Wahl hätte, entweder mehr Umsatz und weniger Demokratie oder weniger Umsatz oder mehr Demokratie, was glauben Sie, wofür würde sie sich entscheiden?“ antwortet Habeck: „Ich hoffe, dass sie sich für mehr Demokratie entscheiden würde“. Das Kapital atmet auf und lehnt sich entspannt zurück: Na also, geht doch. Mutter, die Chips! Und ein Bier! Die Formulierung „deutsche Wirtschaft“, eine hübsche contradictio in adjecto für einen, der in Rumänien produziert und in Amerika verkauft, gefällt ihm ausnehmend gut. Und die grüne Schleimabsonderung gleich zu Beginn der Erörterung noch besser.
Precht bleibt in seinem Fahrwasser: Die deutsche Wirtschaft gerate in Rückstand gegenüber China, wo infolge Nichtdemokratie Entscheidungen schneller getroffen werden könnten. Sei das nicht ein Nachteil? Das Kapital nickt heftig und nimmt einen Schluck. Habeck hält mit und dient mit einem blass-grünen Einwand: Europa sei wohl „ein alter müder Kontinent“, aber immerhin gebe es hier „Schutzrechte für Umwelt und Menschen“. Leider, leider, murmelt das Kapital. Wozu bezahlen wir Studien und Gutachten und beliefern damit die Zeitungen?
Precht sorgt sich um die deutschen Wirtschaft: vor allem wegen der Digitalisierung, Deutschland gibt 3 Mrd. dafür aus, China 137 Mrd. Stimmt, da sollte der Staat sich etwas mehr engagieren, brummelt das Kapital und nickt heftig.
Für Habeck ist die Digitalisierung ein Segen: „Daten sind der neue Rohstoff.“ Da wiederholt er zwar andere philosophische Köpfe wie A. Merkel und G. Oettinger, aber er fügt Selbsterdachtes hinzu: „Je mehr wir die Daten gebrauchen, desto mehr werden sie.“ Das ist bei Öl ganz anders, sinniert das Kapital und überlegt, ob es die teuren Rohstoffe nicht durch Daten ersetzten sollte, die seien billiger und vermehrten sich selbsttätig.
Der Professor greift nun in die Geschichtskiste: „In der ersten Maschinenrevolution wurde die Hand ersetzt, in der zweiten das Gehirn.“ Meines wird nicht ersetzt, meint das Kapital nachdenklich. Aber sonst eine gute Idee, Gehirne stören ungemein, vor allem, wenn sie funktionieren. Könnte man sie im Rahmen eines demographischen Wandels ersetzen, so würde die Demokratie davon gewaltig profitieren und wir noch gewaltiger.
Habeck fühlt sich herausgefordert, greift ebenfalls in die historische Kiste, fasst aber daneben in ein Kriegsfach und spricht mir nichts dir nichts von der Erfindung des Kapitalismus durch Verknappung der Rohstoffe. Wenn das stimmte, müsste der Kapitalismus durch die selbsttätige Vermehrung des Rohstoffs „Daten“ bald zugrunde gehen. Das Kapital grunzt vor Lachen. Und es quiekt vor Freude, als Habeck statt vom Kapitalismus von Marktwirtschaft redet. Wenn die Zirkulationssphäre und die Produktionssphäre verwechselt werden, freut sich das Kapital immer über die Maßen, weil dann klar ist, dass die Gehirne bereits ersetzt sind. Die der Philosophen jedenfalls ganz sicher.
Die Konzerne werden zusammen mit der Finanzsphäre abgetan, weil, philosophisch gesehen, beides gleichermaßen eine Menge Zaster bedeutet. Das ist der böse Kapitalismus. Der gute ist der produktive, von Precht „deutsche Wirtschaft“ genannte, von Habeck „analoge Wirtschaft“. Aber jetzt ist das Böse dran: die Monopole („keine demokratische Kontrolle“) und die Oligopole („Marktwirtschaft leidet“). „Politiker (sind) wahnsinnig ohnmächtig“, sagt der Habilitierte. Genauso ist es, grinst das Kapital, diesmal diabolisch.
Precht holt zum entscheidenden Schlag gegen die Konzerne aus: amazon macht den „Einzelhandel kaputt“. Habeck d’accordiert und gibt für drei Minuten den Rebellen: „Wenn amazon die Weltherrschaft übernommen hat, wird es Widerstand geben, ein Anti-amazon, ein Precht-Habecksch aufgebautes Konstrukt.“ Das klingt etwas wirr, aber man muss verstehen, die Aufregung ob der revolutionären Großtat überwältigt den Philosophen. Das Kapital verschluckt sich bei einer Lachorgie am Chip und muss vom familiären Umfeld beklopft werden.
Precht kommt aus den Sorgen nicht heraus: „ die Situation (sei) besorgniserregend“, „schnelle radikale Schnitte“ seien notwendig. Habeck, das Gesicht politisch sorgenvoll gefaltet, geht wieder konform und findet das richtige Wort: es gehe um die „Finanzkapitalismusgerechtigkeitsfrage“. Das Wort gefällt dem Kapital. Das verschleiert ja noch schöner als „soziale Marktwirtschaft“ und ist fast doppelt so lang! Als Precht mit ernstem Gesicht vermerkt, „dass die ökonomische Entwicklung der Politik entgleitet“, fällt das Kapital vom Sofa und kriegt sich nicht mehr ein.
Die Finanzhaie und die Großkonzerne kriegen nun von beiden ihr Fett ab. Dabei entfährt im Eifer der Entflechtungsdebatte Habeck der Name Rockefeller, worauf Precht blitzschnell mit einem Wortschwall eingreift, um zu verhindern, dass weitere Namen wie Rothschild oder Soros fallen. Gut der Mann, lobt das Kapital. Der weiß, worauf es ankommt!
Der Professor sorgt sich nun um die Menschen in Chemnitz. Da „Deutschland … wirtschaftlich sehr gut dasteht, auch wenn die Verteilung besser sein könnte“, sei „ein solch hohes Maß an Unzufriedenheit der Menschen“ unverständlich. Das Kapital schüttelt den Kopf: Wir tun doch allerhand, um die Verteilung günstig zu gestalten! Und gegen Unzufriedenheit gibt es schließlich Psychologen. Der kapitalneutrale Chemnitz-Mob interessiert den Zuseher wenig.
Unversehens kommt Habeck, er will nicht ständig nur beipflichten, auf ein neues Thema zu sprechen: „Veränderungsgeschwindigkeit der Moderne“ nach dem Hockey – Stick – Diagramm. Alles werde immer schneller ansteigen: Klimakrise, Digitalisierung und – die Akkumulation des Kapitals. Das Kapital stutzt zunächst, gerät dann ins Wiehern, klopft sich auf die Schenkel und zertrümmert die Chips. Eine beschleunigte Entwicklung der Kapitalakkumulation! Schön wär´s, da hat leider der alte Gottseibeiuns Marx zufällig Recht gehabt mit dem tendenziellen Fall der Profitrate. Null Ahnung, der grüne Junge, aber brauchbar, sehr gut brauchbar. Das mit dem hockey stick zum Beispiel: einfach genial! Mutter, die Chips sind alle!
Das Kapital fühlt sich zunehmend gelangweilt. Prechts „Maschinen zahlen nicht in Rentenkassen“ und „Arbeitszeitverkürzung durch künstliche Intelligenz“ bewirken nur ein Achselzucken. Und Habecks Diktum „Das Wachstum geht weiter“, das zunächst aussieht wie eine eklatante Abkehr von allen grünen Prinzipien, durchschaut das Kapitals sofort als das, was es ist: ein bloßes Plagiat des berühmten Fußballstrategen Drago Stepanovic mit seiner Kickerweisheit „Das Lebbe geht weider“.
Aber dann doch noch ein versöhnlicher Höhepunkt, als Habeck im Stile einer Grabrede sich an die Alt- und Siechparteien CDU und SPD wendet: „Danke den Volksparteien, die dem Land die Stabilität gegeben haben und das Bündnis von Arbeitnehmern und Arbeitgebern in sich gelebt haben.“
Das Kapital schaltet ab und räkelt sich wohlig auf dem Sofa. Ach, war doch ganz schön. Man muss nur die richtigen gut aussehenden und hoch angesehenen einfältigen Überbaufiguren aufstellen, dann ist es kein Problem mehr, den Kapitalismus zu erörtern, ohne auch nur mit einer Silbe auf Namen wie Marx zu kommen oder auf Wörter wie Ausbeutung, Leiharbeit, Armut oder gar Extraprofit. Ein Dutzend mal „deutsche Wirtschaft“, sechs mal „soziale Marktwirtschaft“, drei mal „analoge Wirtschaft“ und einmal David Ricardo tun´s auch. Mutter, den Sekt!
(Autorenzeile: Peter Krupka nutzt das Fernsehen als Einschlafdroge: Precht sei besser als Mirtazapin und Habeck fast wie Lachgas. Aber Obacht: Zusammen eingenommen hätten Lachgas und Mirtazapin starke vomitive Nebenwirkung!)