
Karl May war immer von einem Dunst des Christlichen umweht. Er gilt als frommer katholischer Schriftsteller, dem Katholiken einen Tritt versetzten, als sich herausstellte, dass er auch mit „unsittlichen“ Schundromanen sein Geld verdient hat. Heute ist Karl May, der erfolgreichste deutsche Schriftsteller aller Zeiten und vermutlich ein glaubensloser Kirchenfeind, wieder fest in katholischer Hand. 1994 hat der katholische Theologe Hermann Wohlgschaft die maßgebliche Karl-May-Biographie verfasst. Sie kam 2005 in einer Neuauflage heraus: Statt um das theologische Drittel gekürzt zu sein, ist sie auf ein Dreifaches aufgebläht (von 837 auf 2329 Seiten). Und eröffnet stolz die Materialreihe der historisch-kritischen Werkausgabe, die 1987 vom Greno-Verlag begonnen und von der Karl-May-Gesellschaft (KMG) beendet wurde. Der heimgeholte May gilt Wohlgschaft als „Vorläufer“ und „Prophet“ einer modernen katholischen Theologie.
Des Menschen Lüge ist sein Himmelreich (Johann Jakob Wilhelm Heinse)
Geboren wurde Karl May im sächsischen Weberelend von 1842 und evangelisch getauft wie neun Geschwister, die nach erledigter Taufe diese Welt verlassen durften. (Für Landschaftsbeschreibungen benötigte er später verlässliche Quellen, für Sterbeszenen nicht.) Der Kantor förderte den begabten, aber mittellosen Volksschüler mit Musikunterricht. Mit einem kleinen Stipendium beginnt der frisch Konfirmierte im Lehrerseminar in Waldenburg eine Ausbildung zum Lehrer (ab 1856). Gleich im ersten Jahr nimmt er vor Weihnachten ein Pfund Kerzen mit nach Hause, nach Wohlgschaft eine Bagatelle, nach Stolte „ein beachtlicher Wertgegenstand“. Er wird relegiert (als „infernalischer Charakter“ und „wegen sittlicher Unwürdigkeit für seinen Beruf“), findet Gnade und ein anderes Seminar in Plauen, das er 1861 beendet. Seine Tätigkeit als Armenlehrer an einer Fabrikschule (Carl Friedrich Solbrig) in Altchemnitz bedeutet keinen Aufstieg, er lebt und arbeitet unter seinesgleichen. Und unterrichtet vor allem evangelische Religion.
Am letzten Schultag vor den Weihnachtsferien fährt May nach Hause und nimmt dabei die Taschenuhr seines Mitbewohners sowie dessen Tabakpfeife und Zigarrenspitze mit. Wegen „Widerrechtlicher Benutzung fremder Sachen“ wird May bereits einen Tag später in Hohenstein auf dem Weihnachtsmarkt verhaftet und zu sechs Wochen Gefängnis verurteilt, die er im Bretturm in Chemnitz absitzt (1862).
Er vernichtet damit seine kümmerlich keimende bürgerliche Existenz. Aus dem aufstiegswilligen jungen Mann wird nun ein Kleinbetrüger und Dieb, der Pelze und einen Anzug stiehlt. Als Hochstapler nennt er sich Dr. Heilig, spielt Augenarzt und ehemaligen Militär. Er kommt (1865) wegen mehrfachen Betrugs für vier Jahre in das Arbeitshaus Schloss Osterstein in Zwickau. Er duckt sich, passt sich an, singt im Kirchenchor, spielt im Posaunenquartett, wird Schreiber. Nach der vorzeitigen Entlassung findet er sich nicht mehr zurecht, gerät wieder auf die alte Bahn und begeht wieder einige (Bagatell-)Straftaten: er stiehlt Billardkugeln, einen Kinderwagen, ein Pferd. Seine Gesetzesübertretungen sind wenig einträglich, aber sehr riskant, er scheint dabei seinen glühenden Hass gegen die Obrigkeit (staatlicher wie kirchlicher Provenienz) ausgelebt zu haben.
1874 erhält er wegen Diebstahl, Betrug und Fälschung vier Jahre Zuchthaus und kommt nach Waldheim. Er duckt sich wieder, passt sich wieder an und spielt im katholischen Gottesdienst die Orgel. Der Katechet Kochta scheint menschlich und freundlich zu sein. „Die Begegnungen mit dem Katholiken hinterlassen bei May einen bleibenden Eindruck; er findet zu sich selbst,“ sagt ein May-Forscher und alle wiederholen es. „Nach May war es der Katechet Johannes Kochta, der die Wende herbeiführte (…) Die Waldheimer Gottesdienste berührten May tief, ja sie ‚heilten‘ ihn, wie er glaubte, vollständig.“ Das teilt uns der Biograph Wohlgschaft mit. Und fällt, wie andere auch, auf Mays fragwürdige Selbstdarstellung herein.
Er folgt einer Legende, die May selber in seiner Autobiographie „Mein Leben und Streben“ (1910) formuliert hat. Warum Legende? Weil May ein maßloser Lügner, ein grandioser Verdränger und Verschleierer, und ein, wenn auch wenig geschickter, Rollendarsteller war. Die Amtsanmaßungen und Hochstapeleien seiner frühen Jahre zeigen das im Kleinen. Später macht er den Baron Münchhausen in größerem Stil: er beschlagnahmt als Polizist Falschgeld, will als Kriminalbeamter einen Todesfall lösen, er legt sich einen Doktortitel zu, behauptet, etwa 40 Sprachen zu sprechen, später sogar 1200, alle erzählten Reisen tatsächlich erlebt zu haben, schließlich sogar: Old Shatterhand und Kara Ben Nemsi selber zu sein. Den Henrystutzen und den Bärentöter lässt er sich anfertigen, um sie Besuchern vorzuführen, auch die Silberbüchse, nur vergisst er dabei, dass sie in Winnetous Grab in Frieden ruhen sollte. Das tägliche Brot seines Lebens waren Verdrängung und Lüge. Die May-Forscher sind nachsichtig: mal nennen sie May einen Fabulierer, mal einen Phantasten, mal einen Schwadroneur. Claus Roxin (von 1971 bis 1999 Vorsitzender der KMG) findet bei Anton Delbrück eine halbwissenschaftliche Bezeichnung, die sich durchgesetzt hat: Pseudologia phantastica. Früher hätte man Mays selbstzerstörerische Lügereien als Dummheit bezeichnet, oder man hätte sich an Edgar Allan Poes The Imp of Perverse erinnert, heute weiß jeder gebildete May-Kenner, der Lügenbold hat an einer Pseudologie gelitten.
Jeder ist seiner Lüge Schmied (Völkerweisheit)
Die Autobiographie Mein Leben und Streben soll am Ende eines Lebens in gebremster Aufmüpfigkeit, einer Existenz zwischen Anpassung und Widerstand eine Beichte sein; sie soll Angriffe abwehren, Widersprüche glätten, Fragwürdiges klären. Die Rechtfertigungsschrift soll dem Publikum erklären, wieso May im Gefängnis saß, wie er zur Kolportage kam (damals Fremdwort für Schundliteratur), und warum er in seinen Reiseerzählungen so stark katholisierte. Was wurde daraus? Ein Gewebe von Lügen, Halbwahrheiten und Rollenspiellibretti. Er verschleiert weit mehr, als er offenbart. Vieles in seiner Autobiographie wird von der Karl-May-Forschung bezweifelt. Martin Lowsky weist nach, dass May die Beschreibung seines häuslichen Elends von Johann Peter Hebel abgekupfert hat. Und Helmut Schmiedt, dass er sein psychisches Leiden „einem Lehrbuch des Psychiaters Griesinger“ entnommen hat. Aber als unumstößliches Axiom gilt allgemein, d.h. bei allen May-Forschern, -Kennern und -Fans Mays Beschreibung seines positiven Verhältnisses zum katholischen Gefängniskatecheten Kochta. Warum? Darauf kommen wir noch.
In seiner Autobiographie berichtet May von „Batzenorf“ und der „Lügenschmiede“. Batzendorf war eine fiktive Gemeinde innerhalb Ernstthals, die berühmt und berüchtigt wurde wegen ihrer derben Späße, Schelmereien und Narreteien. May äußert sich überaus empört über diesen verrufenen Ort: Dieses „Batzendorf“, in dem man nur mit Batzengeld zahlen durfte, hat eine ganze Reihe von Jahren bestanden und manche stille, heimliche, doch um so bösere Wirkung gehabt. Da lockerten sich „die Bande frommer Scheu“. Da gab es wöchentlich etwas Neues. Wir Kinder verfolgten die Albernheiten der Erwachsenen mit riesigem Interesse und höhnten und persiflierten mit, freilich ohne uns dessen bewußt zu werden. Dem Unbegabten schadet das weniger; in dem Begabten aber wirkt es fort und nimmt in seinem Innern Dimensionen an, die später, wenn sie zutage treten, nicht mehr einzudämmen sind. Der Theologe und May-Biograph Wohlgschaft nimmt May diese Empörung ab und empört sich seinerseits über Batzendorf und die Lügenschmiede, ein Wirtshaus in Mays Geburtsort, wo die Gäste gerne zum Narren gehalten wurden: „Überhaupt war die Lüge, so May, in seiner Heimat zu Hause. Hecheleien und Ironie, falsches Kartenspiel und andere Spitzbübereien waren üblich am Ort (d.h. in der Lügenschmiede). Fiktive Handlungen und fingierte Respektspersonen waren beliebt als Ulk und Klamauk. Was zuerst bloß albern und läppisch erschien – Neuwahl einer Gemeindegans, Taufen erwachsener Säuglinge, Verheiratung zweier Witwen u.ä. -, schlug bald um in wirklichen Unfug, in gröbere Täuschung. „Batzendorf“… schien auszuarten in handfesten Trug und kriminelles Verhalten.“
(Die Obrigkeiten nahmen sich der Lügenschmiede an und dann war Ruhe.) Dass hier eine um die Zeit des späten 19. Jh. die mittelalterliche und längst ausgestorbene Tradition der Narrenmessen und Eselsfeste eine kurze Reinkarnation fand, ist überaus merkwürdig und beachtenswert. Karl May war wohl einer von wenigen, die dieser Tradition ihr Leben lang verpflichtet blieben. Für Rollentausch und Rollenspiele war er immer zu haben. (Die Narrenmesse des Mittelalters kennt beides.) Zwei verräterische Sätze in Mays Empörungsarie gegen die Lügenschmiede deuten auf seine wahre Einstellung: „Es gab da oft geradezu geniale Witze, immer aber mit einem Einschlag aus dem Gewöhnlichen heraus.“ Und: „Es gab in Ernstthal einige jüngere Leute, welche außerordentlich satirisch begabt waren. An sich sehr achtbare, liebenswürdige Menschen, hätten sie in andern, größeren Verhältnissen durch diese Begabung ihr Glück machen können.“
Karl May betrieb die Schelmereien der Lügenschmiede in ganz anderem Ausmaß, er taufte nicht harmlose Säuglinge oder unbedeutende Erwachsene, ihm schwebte Größeres vor: Er bekehrte Hadschi Halef Omar, den Moslem mit der Nilpferdpeitsche, zum Christen mit der Nilpferdpeitsche. Er taufte und schickte den Edelmenschen Winnetou unter den Klängen des Ave-Maria in den katholischen Himmel. (Die katholische Taufe Winnetous habe er in der Erzählung nicht erwähnt, schreibt er in einem Brief, um die Protestanten unter seinen Lesern nicht zu verärgern.) Er rettete den Atheisten Old Wabble (in Old Surehand) vor der Hölle. Und er predigte zu Millionen von dankbaren Lesern. Und Leserinnen natürlich. Mays Missionsreisen hatten als Gesammelte Werke eine Auflage von bisher über 200 Millionen.
Lügen haben kurze Beine. Sie fallen nicht leicht. (deutsches Sprichwort)
Karl May fing klein an und versuchte es mit Anpassung an die Regeln und Anforderungen der bürgerlichen Gesellschaft. Er begann damit bereits 1874, als er beim Verleger Münchmeyer einen Redakteursposten bekam. Er gab die Zeitschrift Schacht und Hütte. Blätter zur Unterhaltung und Belehrung für Berg- Hütten- und Maschinenarbeiter heraus und lieferte dazu seine ersten Erzählungen. Um sich in dem Kulturbetrieb hochzulügen, verfasste der Redakteur ein Jahr lang Geographische Predigten, ein uninspiriertes Wiederkäuen seines Konfirmandenunterrichts und der Religionsunterweisungen im Lehrerseminar (ein Lehrer musste auch Katechet sein), die zu einem wirren halbchristlichen („Geburt des gottähnlichsten der Menschen“) und pantheistischen Kitsch gefügt wurden. Sie waren wohl weniger als Erbauung an Arbeiter, denn als Selbstempfehlung an das Bildungsbürgertum gerichtet. Widersprüchlich, wie May war, suchte er in der sozialen Schicht Anerkennung und Aufstieg zu finden, die ihm bisher mit Armut, Gefängnis und Verachtung das Leben vergällt hat. Die theologischen May-Forscher sehen in den Geographischen Predigten den Ausfluss einer starken Gläubigkeit. (Kann man machen. Aber ohne starken Glauben geht das nicht.) Was May selber von Erbauungsliteratur hält, zeigt ein Satz aus Mein Leben und Strebenviel über Gefängnisliteratur: „Ein sozialdemokratischer Klempnermeister war einer langen Reihe von Erbauungsbüchern zum Opfer gefallen.“
1879 tragen Mays fromme Erbauungsmanöver erste Früchte. Der katholische Verlag Pustet aus Regensburg bietet ihm einen längerfristigen Vertrag an, der es ihm ermöglicht, sein wucherndes Schreibtalent zur Entfaltung zu bringen und – sich ein Auskommen zu sichern. Dieser Glücksfall, und Dankbarkeit vielleicht, animieren ihn, dem Verlag in Glaubensfragen entgegenzukommen. Zunächst war die Tendenz in den Reiseromanen noch allgemein-christlich, wurde aber deutlich katholisch, als er für die (Regensburger, Eichsfelder, Benzinger und Einsiedler) „Marienkalender“ ab 1891 19 (unsägliche) Kalendergeschichten im Stil der Reiseerzählungen schrieb. Die Folge: in Kürschners Literatur-Kalender in 11 Jahrgängen (1894-1904) figurierte der Protestant May als katholisch. (In Heinrich Keiters Katholischer Litteraturkalender sogar schon ab 1892.)
Dass May ein gläubiger Christ war, ist für die Karl-May-Forscher selbstverständlich. Sie unterscheiden (selten) zwischen Autor und Erzähler, oder zwischen Erzähler und erzählter Figur. Sobald Christliches geäußert wird, hat Karl May gesprochen. (Mayster dixit.)
Und May schürte fleißig diesen Glauben. In der katholischen ‚Donau-Zeitung‘ (Passau) ließ er am 18.12.1906 Mein Glaubensbekenntnis veröffentlichen, das Wohlgschaft in seiner May-Biographie folgendermaßen beurteilt: „Daß Mein Glaubensbekenntnis die wirkliche Überzeugung des Autors enthält, ist nicht zu bezweifeln. Mit den theologischen Inhalten der Mayschen Alterspoesie stimmt der Bekenntnis-Text voll überein. Des Schriftstellers – angebliche oder wirkliche – „Angst, vom offiziellen Familien-Katholizismus verlassen und offen befeindet zu werden“ (Wollschläger), spricht nicht gegen die Echtheit seines Bekenntnisses.“ Da erlaube ich mir zu zweifeln. Sascha Schneider, Mays Illustrator und Freund, weigerte sich einmal, Illustrationen der biblischen Geschichte für den Religionsunterricht zu malen mit der Begründung: „Die Unverständigsten und Intolerantesten regieren da. Prüderie und Nüchternheit, Poesielosigkeit und Fetischismus ist auf die Fahne dieser dunklen Reactionäre geschrieben.“ (Brief an May 1906). Karl May widerspricht ihm. „Er (=Schneider) erntet mit diesem Brief den striktesten Widerspruch und Tadel seines Freundes. Für ganz falsch hält dieser Schneiders Entscheidung, denn es sei geradezu eine moralische Pflicht, die ihm angetragene Aufgabe zu übernehmen, schon damit dergleichen in die richtigen Hände kommen und nicht den inhumanen Schädlingen überlassen werde.“ (Heinz Stolte) „Dunkle Reaktionäre“ und „inhumane Schädlinge“: die beiden sind sich einig über die Kirchenmenschen. Und dann folgt in Mays Antwortbrief ein beachtenswertes Gleichnis: „Nun denken Sie sich einen Arzt, der da sagt: »Ich hasse die Cholera; darum kann ich mich nicht um das schlechte, verseuchte Wasser bekümmern, welches die Leute trinken müssen, weil sie kein besseres haben.“
Der Zweck heiligt die Lüge. (religionspädagogische Maxime)
Mays Christlichkeit war und ist Axiom. Bereits im 1897 entstandenen May-Club-München waren nur christliche Männer zugelassen. In der KMG war der evangelische Pfarrer Ernst Seybold sehr rührig mit Vor- und Beiträgen die Christlichkeit Mays unter den Lesern zu verbreiten. Er starb 1997, von da an übernahm der Katholik Wohlgschaft diese Aufgabe. Außer der großen May-Biographie verfasste er bisher 14 Beiträge in den Jahrbüchen der KMG.
Den Satz „Ich bin Old Shatterhand und Kara Ben Nemsi“ bezweifelt jeder. Den Satz „Ich bin tiefgläubig und bete jeden Tag“ niemand. Warum? Weil der Erzähler von 30 Romanen immer wieder dasselbe sagt? Interessanterweise fehlt der missionarische Impetus in den acht Jugenderzählungen und den sechs Kolportageromanen vollständig, beides nicht für den Pustet-Verlag verfasst. Und seine angebliche Bekehrung im Zuchthaus Waldheim? May musste schließlich irgendwie erklären, warum er, der Protestant, so stark für den katholischen Glauben eintrete. Um den schiefen Ruf geradezubiegen, aus geschäftlichen Gründen katholisch geworden zu sein, musste daher die Bekehrung früher angesetzt werden. Das Pauluserlebnis fand statt in Walddheim durch Kochta ohne Bekehrungsgespräche.
In seiner Selbstbiographie kommt May auf das „Seminarchristentum“ zu sprechen: „Es gab täglich Morgen- und Abendandachten, an denen jeder Schüler unweigerlich teilnehmen mußte. Das war ganz richtig. Wir wurden sonn- und feiertäglich in corpore in die Kirche geführt. Das war ebenso richtig. Es gab außerdem bestimmte Feierlichkeiten für Missions- und ähnliche Zwecke. Auch das war gut und zweckentsprechend. Und es gab für sämtliche Seminarklassen einen wohldurchdachten, sehr reichlich ausfallenden Unterricht in Religions-, Bibel- und Gesangbuchslehre.“ Die betonte Aufzählung positiver Attribute wie „richtig“, „gut“, „zweckentsprechend“, „wohldurchdacht“, „selbstverständlich“ ist zu bemüht, um ernst genommen zu werden. Man spürt die Anstrengung, mit der May den Religionsunterricht zu rechtfertigen sucht. May muss das religiöse Getue gehasst haben, aber er hatte keine Gelegenheit, das zum Ausdruck zu bringen. (Das Schönste am wohldurchdachten Religionsunterricht war vermutlich, dass er reichlich oft ausgefallen ist!) Im Seminar bekam er „schwaches religiöses Gefühl“ attestiert sowie „arge Lügenhaftigkeit“. Beides blieb ihm sein Leben lang erhalten.
Mit Anfang des neuen Jahrhunderts gerät May in eine Flut von Prozessen, die die letzten Jahre seines Lebens vergiften. Es geht um Scheidung, Verlagsrechte, Beleidigungen und literarische Unsittlichkeit. Die Vergehen seiner Jugend, seine Gefängnisaufenthalte, seine Kolportagetätigkeit und angeblich unsittliche Elemente darin werden breit diskutiert und, vor allem von katholischer Seite, lautstark missbilligt. Die Lügen und Aufschneidereien seines Lebens holen ihn ein und überrollen ihn. Hermann Cardauns, katholischer Hauptredakteur der Kölnischen Volkszeitung, greift May ab 1901 scharf an wegen „abgrundtief unsittlicher Stellen in den Kolportageromanen“. Wohlgschaft schreibt in seiner May-Biographie von den „ Presse-Attacken des Dresdener Hofkaplans Dr. Paul Rentschka (Ende 1908 im katholischen Zentrums-Blatt Germania). Dieser wandte sich gegen, wie er meinte, ›modernistische‹, die Religionsunterschiede verwischende bzw. die christliche Identität verfälschende Tendenzen in Mays, politisch und religionspsychologisch gesehen, sehr bemerkenswertem Roman ›Und Friede auf Erden!‹ (1901/04)“. Wohlgschaft nennt den Roman „religionspsychologisch“, weil er ihn „christlich“ nicht mehr zu nennen wagt. Rentschka hat tatsächlich Recht: May verlässt in dem Roman den ohnehin wankenden katholischen Boden. Er erscheint nicht im katholischen Pustet-Verlag, sondern in einem China-Sammelband des Verlegers Joseph Kürschner, und soll im Sinne der damaligen imperialistischen Chinapolitik christliche Hurraliteratur liefern.
Eine tausendmal wiederholte Lüge wird zur Wahrheit. (deutsche Propagandamaxime)
Karl May, der Trügebold der Lügenschmiede, erlaubt sich ein feines Schelmenstückchen. Ohne den Verleger zu informieren, liefert ihm May die unchristlich-pazifistische Erzählung „Et in terra pax“ (= Und Friede auf Erden). Der Druck kann nicht mehr verhindert werden, Kürschner versucht lediglich im Vorwort, zähneknirschend, den schlimmen Eindruck ein wenig zu mildern. Der Roman zeigt Karl May erstmals als einen von Toleranz geprägten Humanisten und Aufklärer (Heinz Stolte). Aber er ist umstritten, weil er die Spannungssucher ebenso enttäuscht wie die Wortgottessucher. Dass auch die Hurrageschreisucher heute noch murren können, zeigte der May-Biograph Walther Ilmer, einige Jahre Vorstandsmitglied der KMG und fleißiger Beiträger der Jahrbücher bei einem Vortrag, gehalten am 21. 9. 2001 auf der 16. Tagung der Karl-May-Gesellschaft in Luzern.
May habe sich gegen Kürschner unwürdig, unaufrichtig und – betrügerisch benommen. Zitat: „May hatte also keinerlei Grund, Kürschner zu verletzen oder zu düpieren (…) Mays Unaufrichtigkeit war, rundheraus gesagt, schofel. Warum schwenkte er, der ideenreiche Erzähler, nicht behende um, lenkte ein – und verfocht dennoch zugleich sein ihm vorschwebendes Anliegen? Schrieb nicht eine Hurra-Geschichte mit Aufeinanderprallen von Europäern und Asiaten. (…) Das (…) wäre Mays Absicht wie der seines Gönners Kürschner gerecht geworden. (…) Er handelte unehrlich, unbillig, wollte seinen Erfolg erringen auf Kosten vertrauensvoller Kontrahenten, die ihm schlicht keine Hinterhältigkeit zutrauten (…). Warum dies Handeln? Warum verkroch er sich in die Täuschung?“ (Da sage einer, die May-Forschung sei ihrem Objekt gegenüber nicht kritisch genug!)
Dass Karl May neben seiner Rolle als Volksschriftsteller auch die eines Volkspredigers spielen durfte, hängt mit der Entstehung des Karl-May-Verlags in Radebeul zusammen, der, 1913 gegründet, das Erbe Mays übernahm. Die May-Erbin Klara May gestattete großzügig Eingriffe in die Texte. Nach dem Ersten Weltkrieg erschienen die Gesammelten Werke in einer vereinfachten und redigierten Fassung, die der Eigentümer Albrecht Schmid überwachte. Der christliche Aspekt wurde nicht vernachlässigt, im Gegenteil: ein katholischer Priester, Franz Kandolf wurde (neben anderen wie dem uns bekannten Theologen Rentschka, dem „Friede auf Erden“ nicht christlich genug war.) mit der Bearbeitung der Erzählungen Mays beauftragt. Die Texte wurde dem Lesergeschmack angepasst, Sätze vereinfacht, Fremdwörter eliminiert, Pardon! ausgemerzt, unbekannte May-Figuren durch bekannte ersetzt. Die Romane, ursprünglich für ein erwachsenes Publikum gedacht, wurden jugendgerecht zusammengestutzt. Und eine katholische Tendenz verstärkt, die nach 1945 nur zum Teil wieder rückgängig gemacht wurde. Kandolf bestimmte auch die Karl-May-Forschung der Zwischenkriegszeit. In den alten Karl-May-Jahrbüchern sind zahlreiche Beiträge von ihm zu finden (17 Beiträge in 13 Jahren). Kandolf schrieb eine Fortsetzung des Karl-May-Romans Am Jenseits (Band 25 der Gesammelten Werke im Karl-May-Verlag) unter dem Titel In Mekka (Band 50).
Wer Lügen spricht, kennt die Wahrheit. (Volksweisheit)
Betrachten wir einmal die beiden ersten Romane Mays, die Kolportageromane Scepter und Hammer und die Die Juweleninsel, eine lose Forstsetzung des ersten. (Christoph F. Lorenz schreibt: „Daß May eine Fortsetzung des – in sich selbständigen und im Grunde abgeschlossenen – Textes von Scepter und Hammer verfaßte, geschah „offensichtlich auf Drängen der Stuttgarter Redaktion, die mit Mays Roman ihre bisherigen Abonnentenzahlen beträchtlich steigern konnte.“)
Die Romane erschienen als Fortsetzungen zwischen1879 und 1882 in den Zeitschriften Alldeutschland und Für alle Welt unter seinem vollen Namen Carl May. Beide Romane sind ursprünglich stark antikirchlich und antikatholisch gefärbt. Volker Klotz fragt: „Warum gerade diese beiden?“ Und antwortet: „ Gewiß auch, wenn nicht hauptsächlich, deswegen, weil sie am entschiedensten auf heikle gesellschaftliche Mißstände eingingen, die der deutschen Heimat unbequemer waren als jene am Rio Pecos oder Tigris. Nicht nur das heimtückisch mörderische Treiben der Jesuiten; auch die sexuellen Orgien, die Leib- und Seelefolterungen in den Mönchs- und Nonnenklöstern, die miteinander und mit dem üblen weltlichen Machtträger buchstäblich unter einer Decke stecken: verbunden durch die kommunizierenden Röhren eines unterirdischen Gangsystems mit dem Schloß des tollen Prinzen. May hat also keineswegs bloß ins kulturkämpferische Horn der offiziellen Jesuitenhatz geblasen. Er hat an die fragwürdige Verbindung von Thron und Altar gerührt. Seine Angriffe sind dabei durchaus nicht so paritätisch auf die beiden repräsentativen Konfessionen verteilt – wie die sonst großenteils (!) plausible Einleitung zum Reprint andeutet. Die Hauptbezichtigung der heimlichen sexuellen Ausschweifung und Ablaßraffgier richtet sich eindeutig gegen den Katholizismus.“ Und nun stellt Klotz eine entweder naive oder listige Frage: “Wieso wird dem unmoralischen Klostertreiben ein Gewicht zugemessen, das in der Gesamthandlung kaum ausgewertet wird?“ Ganz einfach: weil das Werk ein Kolportageroman ist, dessen Autor weder ästhetische oder literarische Konventionen beachten muss, noch einer Tendenz verpflichtet ist, sondern allein für den Absatz der Ware zu sorgen hat. In einem Kolpo konnte der Schreiber seinen Vorlieben politischer, sozialer oder religiöser Art sowie seinen Ressentiments und Abneigungen freien Lauf lassen. Verleger und Händler waren nur an der Verkäuflichkeit interessiert. Also: Karl May hatte konnte sich in Scepter und Hammer sowie in Die Juweleninsel beliebig austoben und das tat er (mit einem zunächst unerklärlichen Hass!) gegen die katholische Kirche. Und das im gleichen Jahr, in dem er für einen katholischen Verlag zu schreiben begann.
In Scepter und Hammer spielt die Rolle eines der Schurken der Pater Valerius, alias Abbé Penentrier, Mitglied des Jesuitenordens (im Roman die Brüder Jesu), der bei seiner kriminellen und staatsbedrohenden Revolutionstätigkeit auch vor Mord nicht zurückschreckt. (May nennt Revolution, was als Palastrevolte daherkommt.) Bezeichnungen wie „Ungeziefer“ und „Gezücht“, auf die Jesuiten gemünzt, stammen zwar nicht vom Erzähler, aber von einer positiven Figur des Romans. Es ist verständlich, dass in der Neuausgabe 1926 die Romane gründlich bearbeitet und weit stärker verändert wurden als andere. Jede antikatholische Tendenz wird beseitigt, die Jesuiten kommen überhaupt nicht mehr vor, und Penentrier ist unter anderem Namen Chef eines Bundes von Verschwörern, die die Anrede „Genosse“ führen: Die Jesuiten sind zu Sozialdemokraten oder Kommunisten geworden. (Vermutlich zur Freude der zweiten Gattin, Erbin Mays und Hitler-Versehrerin, die in den 30er Jahren einer Hinrichtung der May-Texte zum Nationalsozialismus nicht abgeneigt war.)
Der ursprüngliche Deckberuf des Paters Valerius, er war Rentier, wird in der gesäuberten Ausgabe zum – Rentner. Sonst bedurfte natürlich die originale Maysche Negativbeschreibung des Jesuiten im Text keiner Veränderung mehr. (Schade, dass die lustigen Nonnen für nicht würdig befunden wurden, als Kommunistinnen zu agieren. Sie wurden vollständig eliminiert.)
Eine Lüge in der Hand ist besser als Wahrheit auf dem Dach. (völkische Weisheit)
Wohlgschaft kommentiert Die Juweleninsel: „ Die Herren Patres gaben der heiligen Mutter Gottes ihre Erlaubniß, irgend ein in die Augen fallendes Wunder zu verrichten, verkauften Rosenkränze und Heiligenbilder und vertauschten ihren Segen gegen klingendes Metall. (…) Was soll man da sagen? Zu solcher Polemik? (…) Anders als in der Poesie des Spätwerks ist die Tendenz im Doppelroman – mit seinen knalligen Sujets – aber zu grobschlächtig, zu ungerecht und in dieser Form natürlich nicht diskutabel.“ So will ich auch ohne Diskussion einige Romanfakten anführen.
In Die Juweleninsel taucht eine Figur auf, die die May-Forscher vor Rätsel stellt. Es ist der Bowie-Pater, ein katholischer Indianerhasser und missionierender Indianertöter. Bei einem Gespräch mit Rimatta, einem Proto-Winnetou, wird er folgendermaßen charakterisiert: „Er ist ein Feind aller rothen Männer. Er hat eine Perlenschnur bei sich, die gibt er seinen Gefangenen in die Hand, und wer dann nicht zu Eurer Jungfrau betet, den tödtet er mit seinem Bowiemesser. Die weißen Männer nennen die Schnur ein Paternoster.“ „Muß ein fürchterlicher Kerl sein, dieser Mensch,“ brummte Bill, „auf diese Weise Christen machen zu wollen!“ „Hast Du den Rosenkranz gesehen, den er umhangen hat?“ „Ja.“ „Man sagt, daß derselbe aus Indianerknochen gedrechselt worden sei. Er muß einen ganz besonderen Grund haben, die Wilden in dieser Weise zu hassen.“ (In der Neuausgabe von 1926 ist der katholische Indianermissionar völlig verschwunden.)
Ein Grund für den Hass des Bowie-Paters wird nicht genannt. Merkwürdig ist, dass der Bowie-Pater explizit als katholischer Missionar auftritt. Unter den Forschern, vor allem den katholischen, herrscht Ratlosigkeit. Aber sie wissen sich zu helfen. Wohlgschaft konstatiert und erklärt: „Überraschend und verblüffend wirkt die krasse Überzeichnung, der antikatholische Effekt, der möglicherweise einer Tendenz von ‚All-Deutschland!‘ entgegenkam.“ (Das ist durch Eventualitätsreservation gemilderter Quatsch.) Und er zitiert Christoph Lorenz: „Mays Ton ist stellenweise ironisch, ja geradezu frivol – selbst „für das Genre der Kolportage starker Tobak.“ (Stark? Es ist harmloser Tobak verglichen mit Kolportageromanen wie J. F. Wartenbergs „Weiße Sklaven oder: Ein Opfer der Kirche“ von 1869 oder Julius Schneebergers „Fürstenlug und Pfaffentrug“ aus dem Jahre 1875. Zudem ist der starke Tobak wahrscheinlich durch den Verlag entfernt worden. Das achte Kapitel, das auf die Bowie-Pater-Geschichte folgte, ist nicht abgedruckt worden und gilt heute als verloren, was die Forscher auf einen Verlust auf dem Postwege zurückführen.) Die abwegige Annahme, der Verlag hätte eine antikatholische Tendenz vertreten, und May sich angepasst, kollidiert mit der katholischen Selbstverständlichkeit zu behaupten, May hatte sich dem katholischen Verlag Pustet aus Glaubenseifer angeschlossen und nicht aus wirtschaftlicher Not oder Opportunismus. Das Fazit Wohlgschafts gipfelt in Verwirrung und Ratlosigkeit: „Erstaunlich ist vieles. Und merkwürdig sind die ‚antikatholischen‘ Spitzen, wenn man bedenkt: in Waldheim hatte May seine befreiende Begegnung mit Johannes Kochta, dem katholischen Katecheten; später neigte er selbst zum katholischen Glauben (zum Reform-Katholizismus allerdings, zum gesellschaftskritischen, ökumenisch geöffneten Christentum); und schon jetzt stand er in geschäftlicher Verbindung mit Friedrich Pustet, dem katholischen Verleger in Regensburg!“
Lüge und Dichtung sind Künste. (Oscar Wilde)
Kann man behaupten, dass die katholische Phase Mays auf Lüge basiert, dass man, Arno Schmidt paraphrasierend, May den letzten Großmystifikateur der deutschen Literatur nennen könnte? Man kann. Und man kann noch weiter gehen. Im sechsten Kapitel von Scepter und Hammer spricht die Zigeunerkönigin Zarba, eine positive und bedeutende Figur zum Schmied Brandauer über das Christentum: (In Klammern die Änderungen von 1926, zu finden auf Seite 336 der Ausgabe von 1953) „Der Sohn dieser Erde spricht von Liebe; er glaubt an sie und opfert ihr sein Leben, und doch ist sie ein Gespenst, welches schrecklich anzuschauen ist, wenn sie die gleißende Hülle von sich wirft, denn ihr Name heißt – Selbstsucht. (…) Eure Liebe hat mir das Herz aus dem Leibe gerisS. 336 dr Ausgabe sen, ich aber habe ihr den Schleier zerfetzt, hinter welchem sie ihr häßliches (wahres) Angesicht verbirgt!“ „Zarba, Du hast nicht – -„“Seid still! Ihr seid ein Mann und – ein Christ, und – ich hasse Beide!“…“Willst Du unsere heilige Religion schmähen, Zarba?““Schmähen? Nein – aber den Vorhang will ich heben, hinter welchem sie sich verbirgt. Was ist die Liebe, von welcher Euch gepredigt wird? Feindseliger (grimmiger) Haß und tödtliche (versteckte) Selbstsucht. Wer nicht an Eure Satzung glaubt, wird verdammt. (Satz fehlt) Was ist Eure Inquisition? (Satz fehlt) Was ist Eure Mission? (Satz fehlt) Auf blutigem Bahrtuche tragt Ihr Euren Glauben von Land zu Land, von Volk zu Volk; Ihr nehmt den Nationen (Völkern) das Hirn aus dem Kopfe und das Mark aus den Knochen, und dünkt euch groß in euerer Sittlichkeit (Satz hinzugefügt) und doch – geht zu Denen, welche Ihr Heiden nennt, und seht, wo die Sünde ärger und raffinirter (teuflischer) wüthet, bei ihnen oder bei Euch!“
Das ist eine Kritik der „heiligen Religion“ Christentum, die fundamental ist. (Habe ich im Attribut „heilig“ Ironie des Erzählers verspürt oder irre ich mich?) Die Ablehnung des Missionsgedankens, eines wesentlichen Merkmals der christlichen Dogmatik, findet sich auch in „Et in terra pax“(1901) als zentrales Motiv, und auf den Lessingschen Humanitätsgedanken darin hat bereits Heinz Stolte hingewiesen.
Um 1870 verfasste May ein Manuskript mit atheistischen Thesen, die nicht für die Öffentlichkeit bestimmt waren, unter dem Titel Ange et diable. Nach Erich Wulffen ist der Text möglicherweise während der Mittweidaer Untersuchungshaft 1870 entstanden: „Für die psychologische Beurteilung dieser »an Feuerbach gemahnenden Denkbemühungen« müßte also die Entstehungszeit besonders beachtet werden; sonst ist der schroffe Gegensatz zur weltanschaulichen Einstellung in den »Reiseerzählungen« unverständlich.“ Unverständlich? Ach ja? Unverständlich nur, wenn das „Christentum“ der Reiseromane als intendierte Predigt des Autors verstanden wird und nicht als Zwang durch einen Schreibvertrag. Ange et diable ist eine der wenigen erhaltenen Äußerungen Mays, die er nicht unter öffentlicher Kontrolle verfasst hat. (Auch Briefe müssen unter diesem Aspekt betrachtet werden.)
Der Nicht-Theologe Franz Freiherr von Cornaro, Nestor der Karl-May-Forschung sowie Gründungs- und Ehrenmitglied der KMG (19 Veröffentlichungen für die KMG) schreibt in einem Aufsatz über den Text (Jahrbuch der KMG 1978): „Auch wo Lessing Zweifel an christlichen Lehren zu erkennen gibt, läßt er es nie an Ehrfurcht fehlen. Dagegen setzt May sich in seinem Manuskript mit Lehren des Christentums burschikos überheblich auseinander. Um dies zu belegen, muß leider wenigstens eine von zwei solchen Textstellen, die es wahrlich nicht verdienen, nochmals abgedruckt werden.“ Es folgen zwei Sätze, die von Ludwig Feuerbach oder von Bruno Bauer stammen könnten, mit zusammengebissenen Zähnen abgetippt, und dann der Kommentar: „Wann und wo soll denn je in einer christlichen Kirche so gotteslästerlicher Blödsinn über die Menschwerdung des Erlösers verzapft worden sein? (…) Meint man nicht in Mays oben zitierten Worten über das erwartete Verschwinden aller Kirchen und sonstigen Gotteshäuser den Widerhall marxistischer Propaganda mit dem der Frühzeit einer revolutionären Bewegung eigenen Radikalismus zu hören?“ Der Text Ange et diable wird allgemein als Jugendsünde abgetan. Wohlgschaft, der seinen „Karle“ am besten kennt, sagt es am schönsten: „Ange et Diable, diese gewiß noch unreife Skizze, spricht nicht gegen, sondern für den Glauben des werdenden Dichters. Denn gewachsene, verinnerlichte Religiosität ist immer erst dort gegeben, wo sie durch kritische Fragen und existentielle Prüfungen – den ‚Feuerbach‘ – hindurchgegangen ist.“ Sogar Schmiedt, den ich für den besten Kenner Mays halte, nennt den Text „blasphemisch“ und „fast obszön“.
In einer verkehrten Welt ist die Lüge am rechten Ort. (Weisheit der Natchez)
Außerdem, sagen die Theologen, kämen in den Reiseerzählungen auch Atheisten vor, und das seien allesamt erzböse Schurken und die würden von Gott bzw. vom Autor fürchterlich gestraft.
Wohlgschaft zählt auf, beifällig nickend: “Atheisten, in ihrer Kälte, ihrer Liebesleere erstarrte Verbrecher werden durch ‚Gottesgerichte‘ geblendet, zerschmettert, von Tieren gefressen“ usw. (Früher wurde der kalte Atheist auf brennenden Holzscheiten zwangserwärmt.) Der Nicht-Theologe Hartmut Vollmer, sagt (Jahrbuch der KMG 1986): „In Old Wabble, als Repräsentant des fin de siècle, hat May die teuflische Macht des gottlosen Materialismus, des diesseitigen Irrglaubens später im großen Roman vor der Orientreise Am Jenseits in breiterer Form thematisiert eindringlich dargestellt. Am Ideal, dem christlichen Glauben und Liebe predigenden Ich-Held, muß aller Irrglauben trotz erbittertsten Kampfes aber letztlich scheitern.“
Der Atheist Old Wabble wird zum Schluss in einen gespaltenen Baumstumpf gezwängt, wo er langsam und genüsslich zerquetscht wird, per XII paginas lente ad mortem festinans. (Wenn das Gottes Tat sein soll, hat sich der freche May ein Parodie auf den Gott der Liebe erlaubt oder eine Allegorie auf die Geschichte des christlichen Sadismus.)
Dass May die beiden Kirchen nicht liebte, ist wohl verständlich. Aber unverständlich ist der starke Hass auf die Alleinseligmachende, den seine beiden ersten Romane ausstrahlen. Und der später radikal verdrängt wurde. War es eine abstrakte Abneigung, aus der Kenntnis der Geschichte der Institution heraus rational und ethisch begründet, wie bei vielen Kirchenkritikern? Wohl nicht, May war kein Analytiker. Aber zur katholischen Kirche hatte er nur in seinen Waldheimer vier Jahren direkten Kontakt, über Johannes Kochta und den Anstaltsgeistlichen. Und da war (gemäß seiner Autobiographie) nur Positives. Wohlgschaft spricht von der „befreienden Wirkung“ Kochtas auf May. Sicher hat er dabei nicht daran gedacht, dass über Jahrhunderte die katholischen Institutionen in der Tat ein safety room, ein Freiraum waren für „Liebe, die ihren Namen nicht zu nennen wagt“ (Oscar Wilde), sowie, und das wohl weit stärker, ein dark room für sexuelle Übergriffe und Ausbeutung. Welcher Art Ort war Waldheim für May?
May beschreibt Kochta als human und freundlich, aber gleichzeitig als distanziert. War diese Distanz eine der Überordnung, die Privilegien (Orgeldienst) gewährte? Und Gegendienste erwartete? Und sie bekam? Dann hätten wir eine Gewaltbeziehung und die antikatholischen Expektorationen seiner ersten beiden Großromane wären problemlos verständlich.
Schwerer zu vermitteln ist die Hypothese der Einvernehmlichkeit.
Kochta war, wie auch May, ein geschundener Mensch proletarischer Herkunf, bei keinem hat es zu mehr gereicht als zu einer kümmerlichen Existenz als Hilfslehrer und Katechet. Beide landen im Gefängnis, Kochta auf der etwas bequemeren Seite. Der 18 Jahre ältere Kochta wird in Mein Leben und Streben als menschlich, freundlich, empathisch, als Ideal- und Edelmensch beschrieben. Sie hatten also viel Gemeinsames, kamen sie sich dadurch näher? Hat der psychisch labile May einer schwulen Annäherung nachgegeben? Das wäre durchaus möglich, zumal sich May länger Zeit in Isolierhaft befand. (Der antischwule gesunde Menschenverstand der May-Fans und May-Forscher stellt sich ein Gefängnis als Ort homosexueller Ausschweifungen vor, auch Arno Schmidt, der als erster in Sitara (1963) auf eine mögliche homosexuelle Neigung Mays hinweist, hatte diese Vorstellung. Das ist grober Unfug: Vom gleichen kranken Menschenverstand beseelt, stellen die Gefängnisinsassen Homosexuelle, bis heute, auf eine untere Stufe der Hackordnung, knapp über die Pädophilen. (Bei seiner Kanonade gegen Arno Schmidt weist Klußmeier (1973) als Argument gegen eine homosexuelle Neigung auf Mays Isolierhaft. In Osterstein war sie freiwillig, in Waldheim eine Strafverschärfung. Und diente wohl nicht zum Schutz vor schwulen Mithäftlingen, sondern eher für geschützte Intimität mit Kochta. Oder mit dem Anstaltsgeistlichen, der ebenso unwirklich ideal daherkommt. Er wird „Sonnenscheinmensch“ genannt, sonst aber gründlich übergangen.) ((Übrigens: Die katholischen oder sonstwie christlichen Forscher sollten froh sein, dass Arno Schmidt den Pater Valerius alias Penentrier nicht gekannt hat. Der schräge Vogel hätte den Kleriker glatt anhand seiner Etym-Theorie zum verschlüsselten katholischen Penetrierer aus dem Zuchthaus Waldheim verwandelt.))
Lassen sich die antikatholischen Hasstiraden in Scepter und Hammer auch aus einem schönen Liebeserlebnis erklären? Natürlich, als Folge der bekannten Ambivalenz von Gefühlen. Dass die Beziehung sündig war, wird May nicht geschert, dass sie strafbar war, wird ihn eher gekitzelt haben. Aber dass sein starrer Männlichkeitswahn ihm ein schlimmes effeminiertes Selbstbild vermittelte, war ein Problem. Er kann ein schönes schwules Erlebnis nicht verarbeitet haben: Mit dem gängigen Vorurteilbelastet, dass Homo- oder gar Bisexualität als Laster, Deviation, Perversion oder Krankheit zu gelten hätten, muss er sich und den Verführer über alle Maßen gehasst haben, der ihn vor sich selbst geoutet hat. Seine späteren zahllosen Frauenjagden dienten eher der „männlichen“ Selbstbehauptung und weniger als Beweis, dass eine homosexuelle Episode unmöglich war.
Lüge währt am längsten. (Volksweisheit)
Noch heute gilt für viele May-Fans und -Forscher, was Heinz Stolte bereits 1973 gegen Arno Schmidt dekretierte, man könnte May alle möglichen Untugenden nachsagen, aber nicht das „Laster“ der Homosexualität. Gerhad Klußmeiner hat, (auch 1973in „Arno Schmidt & Karl May. Eine notwendige Klarstellung“), Arno Schmidt für seine Nachlässigkeiten und Falschzitate in Sitara (1963) dermaßen gebeutelt, dass sich niemand mehr traut, einen schwulen oder bisexuellen May auch nur in Erwägung zu ziehen. (Warum Arno Schmidt bewusst gefälscht hat, obwohl die Hälfte seiner Zitate als Belege ausgereicht hätte, seine These zu begründen, ist unerklärlich.) 1984 unterläuft Klußmeiner in einem Aufsatz die hübsche Fehlleistung von Mays „angebliche(m) Sexualleben“. Darum geht es wohl: Karl May, ab den 50er Jahren außer Volksschriftsteller in erster Linie Jugendschriftsteller, soll asexuell und sauber bleiben! Und „diese halbvollen, ich möchte sagen, küßlichen Lippen (Winnetous), welche der süßesten Schmeicheltöne“ (in „Weihnacht“) fähig waren, das soll gefälligst überlesen werden. Die „küßlichen Lippen“ finden sich nur vier Mal im Gesamtwerk Mays: drei Mal, um attraktive Frauen (in Kolportageromanen) zu kennzeichnen, einmal für Winnetou. Während die Radebeuler Ausgabe ab den 20er Jahren diese Textstelle noch im Original belässt, fühlt sich der Bamberger Verlag ab den 50-er Jahren zum christlichen Jugendschutz berufen und streicht die anstößige Stelle.)
Hans Wollschläger, ein psychoanalytisch versierter May-Kenner, übernimmt das Idealbild von Kochta, obwohl er sonst in Idealbildern gerne einen Verdrängungszwang am Werk sieht. („Das Bild, das May in der Selbstbiographie von seiner Mutter gibt, ist ohne auch nur den Schatten eines Makels, eines Widerstands, einer Kritik.“ Daraus deutet Wollsschläger ein Liebesversagen der Mutter Mays. So wie die Psychoanalytikerin Alice Miller das mit dem Idealbild Hitlers von seiner Mutter tut.) Wollschläger akzeptiert allenfalls eine Übertragungssituation, in der „der Katechet die letzten Reste noch besetzungsfähiger Objekt-Libido in May freizumachen verstand.“ Und sagt weiter: „Kochta dürfte es gewesen sein, der May zum Schreiben anregte und ihm damit das Abfuhrmittel in die Hand gab, das sein Leben in Sicherheit brachte.“ Wollschläger lavierte vorsichtig im ungefährlichen Ungefähren, vermutlich weil er ähnliche Prügel befürchtete, wie sie sein zeitweiliger Mentor Arno Schmidt für seine These von Mays Homoerotik in Sitara einstecken musste. (Der Lieraturwissenschaftler Helmut Schmiedt, einer der besten Kenner Mays, hält sich in der Kochta-Frage bedeckt. Und: es ist bezeichnend, dass er in seiner Karl-May-Biographie von 2011 die beiden antikatholischen und sextriefenden Großromane Scepter und Hammer und Die Juweleninsel mit keinem einzigen Wort erwähnt, weder im Text, noch im Register.)
Von May erfahren wir nichts darüber, was er und Kochta geredet haben: Sie sprachen (angeblich!) nie über Religion, nie über Persönliches, nie über Familiäres; wir erfahren nichts, was sie zusammen getan, und nichts, was sie erlebt haben. Wie konnte Kochta dann „seine Seele retten“? Ein überaus bedeutendes Buch, das May von Kochta erhalten haben will, existiert nicht. May häuft Lüge auf Lüge.
Ist die Hypothese abwegig, dass May in Die Juweleninsel ein dunkles Erlebnis der Waldheim-Zeit verarbeitet hat, das in den unerklärlichen Orgien der Mönche und Nonnen seine Spiegelung fand? Oder haben Wollschläger und Wohlgschaft Recht mit ihrer spekulativen Befreiungsthese?
Ein weiterer Hinweis könnte nützlich sein: Der widrige Bowie-Pater, der katholisch missionierende Indianerschinder aus Die Juwelenisel, den Arno Schmidt, wie den Pater Valerius, nicht kannte, erweist sich m Ende des Romans – als verkleidete Frau. Das lässt sich weder erzählfunktional noch ideologisch begründen. Das ist unerklärlich und sinnlos. Aber mit Hilfe des freudschen Begriffsfeldes Verdrängung, Idealisierung, Ambivalenz und symbolische Verschlüsselung gelangen wir zu einer plausiblen Hypothese.
Ein letztes Wort zur Schlüsselfigur Kochta. Wenn die Annahme, May berichte über Kochta, um den katholischen Schein bereits vor der Pustet-Zeit leuchten zu lassen, nicht ausreicht, muss man sich ernsthaft fragen: Warum erwähnt Karl May Johannes Kochta überhaupt, wenn dieser eine so zwielichtig-brisante Rolle in seinem Leben gespielt hat? Warum unterschlägt er ihn nicht? Mit dem katholischen „Sonnenscheinmensch(en)“ ging das schließlich auch.
Erinnern wir uns an Edgar Allan Poes Kurzgeschichte „Der schwarze Kater“. Da tötet der Protagonist seine Ehefrau und mauert die Leiche in einer Kellerwand ein. Als die Polizei das Haus durchsucht und schließlich im Keller zugeben muss, dass der Mann vom Verdacht gereinigt ist, schlägt dieser, getrieben von seinem Imp of Perverse, an die frisch verkalkte Kellerwand und – es ertönt ein Aufjaulen des unabsichtlich mit der Leiche eingemauerten Katers.
Wie so oft in seinem Leben hat auch hier Karl May an die Wand geschlagen.